Positionen zur AS-Wahl am 07./08. Mai 2019

Zukunftsperspektiven für den Mittelbau

Wissenschaft zu betreiben ist eine spannende und erfüllende Tätigkeit. Allerdings ist der Berufsweg risikoreich: Die Personalpolitik der Hochschulen hat bisher vor allem bewirkt, dass wissenschaftliche Mitarbeiter*innen heute fast nur noch mit befristeten Verträgen beschäftigt werden. Das führt in einzelnen Fällen zu Kettenbefristungen bis zum Rentenalter, obwohl die Betroffenen mit dauerhaften Kernaufgaben der Hochschule betraut sind. Wir sind dagegen, dass die Hochschule Probleme aus steigendem Aufgabenvolumen und sinkender Finanzierung auf ihren Mittelbau abwälzt: Arbeitsverträge müssen so gestaltet sein, dass sie tatsächlich erfüllbar sind - einschließlich der Qualifikationsziele. Aus prekärer Beschäftigung heraus lassen sich Kreativität, Engagement und Identifikation mit der Universität nur mühsam entfalten. Wir arbeiten daher auf eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Mittelbaus hin: WiMis brauchen zusätzliche Karrierewege, die unabhängige Forschung ermöglichen - auch jenseits der Professur. Außerdem müssen für wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Tätigkeiten auch unbefristete WiMi-Stellen vorgesehen werden, um die tariflichen Standards nicht zu unterlaufen.

Promotion ermöglichen und unterstützen

Dank der Graduiertenschulen und vieler Drittmittelprojekte haben sich die Wege zur Promotion diversifiziert. Bei dieser Vielfalt muss darauf geachtet werden, dass diese Wege auch alle zum Ziel führen: Die Promotion muss ermöglicht und unterstützt werden! In vielen Fächern arbeitet die Mehrheit der Beschäftigten auf befristeten Qualifikationsstellen in Drittmittelprojekten. Bei diesen steht neben umfangreichen Verwaltungsaufgaben das Projektziel im Vordergrund; in Projekten mit Industriebeteiligung verschwimmen Forschung und Produktentwicklung. Promotionen rücken dagegen in den Hintergrund und werden oft nur ungenügend betreut. Wir setzen uns für klar geregelte Promotionswege auch für Drittmittelstellen ein, die einen realistischen Zeitrahmen für die eigentliche Qualifizierung bieten. Promoviert wird nicht nach Feierabend! Auch Promovierende auf Haushaltsstellen oder in kleineren Projekten brauchen Mittel für Konferenz- oder Forschungsreisen, da dies Teil ihres Qualifikationsweges ist. Formell stehen die Angebote der Dahlem Research School inzwischen zwar allen Promovierenden zur Verfügung, doch ist die Finanzierung nur für Promovierende aus strukturierten Promotionsprogrammen gesichert. Eine Kostenübernahme der Workshopgebühren ist jedoch für alle Promovierenden nötig, wenn eine Zwei-Klassen-Promotion verhindert werden soll!

Für eine transparente und demokratische Hochschule

Die Mitbestimmung der Statusgruppen ist ein zentrales Element der Universität. Akademische Selbstverwaltung und demokratische Mitbestimmung erschöpfen sich nicht in der Möglichkeit, sich an Gremienarbeit zu beteiligen und die eigene Meinung kundzutun, sondern setzen transparente Entscheidungsprozesse voraus mit der Option, konkrete Veränderungen zu bewirken. Echte Mitbestimmung sichert Vielfalt und Innovationsfähigkeit, sie erhöht die Identifikation mit der Hochschule sowie das Engagement und die Motivation aller Beteiligten. Deshalb engagieren wir uns für eine Stärkung der demokratischen Mitbestimmung an der Freien Universität!

Open Access fördern

Open Access bedeutet, Forschungsergebnisse kostenfrei öffentlich zugängig zu machen. Die Großverlage missbrauchen ihre Macht, um überzogene Gebühren durchzusetzen. Wir fordern, dass die FU Berlin stärker als bisher auf Open Access als Publikationsformat setzt und dafür zusätzliche Mittel bereitstellt.

Öffentliche statt „unternehmerische Hochschule“

Universitäten sind keine Unternehmen, sondern öffentliche Einrichtungen mit Bildungsauftrag und sozialer Verantwortung. Problematisch ist heute vor allem der inszenierte Pseudo-Wettbewerb mit reiner Output-Orientierung, hektischem Qualitätsmanagement, ineffektivem Controlling, folgenloser Evaluation und krampfhaftem Marketing. Wir sind für professionelle Verwaltung und effizienten Mitteleinsatz, wenden uns aber gegen Quasi-Bildungsmärkte, die mit kostenträchtigen Anreizstrukturen einseitig auf Drittmitteleinwerbung setzen. Dieses System bindet zu viel Zeit und Arbeitskraft, verschenkt kreatives Potenzial, lässt zu wenig Raum für (gesellschafts-)kritische Theoriearbeit und Forschung und erschwert die wissenschaftliche Kooperation über Hochschul- und Fachgrenzen hinweg.

Bessere Lehrbedingungen für WiMis und Lehrbeauftragte

Ein wesentlicher Teil der Lehre an der Freien Universität wird vom wissenschaftlichen Mittelbau und von Lehrbeauftragten getragen. Für beide müssen passende Angebote zur Fort- und Weiterbildung, zur Kompetenzentwicklung und Orientierung sowie zur Vernetzung in ausreichendem Umfang bereitgestellt und bezahlt werden. Wir wehren uns grundsätzlich gegen eine Zweckentfremdung von Lehrbeauftragten zur Sicherung der grundständigen Lehre! Lehraufträge müssen entsprechend dem Aufwand für Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen und für die Studierendenbetreuung angemessen vergütet werden. Dies gilt es FU-weit an allen Fachbereichen, Zentralinstituten und Zentraleinrichtungen umzusetzen. Dauerhaft engagierte Lehrbeauftragte brauchen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse!

Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie

Die steigenden Anforderungen im wissenschaftlichen Betrieb führen oft zur Unvereinbarkeit von Familie und wissenschaftlichem Beruf. Eine familienfreundliche FU muss dafür sorgen, dass Eltern ihre Elternzeit ohne Nachteile nutzen können. Dies gilt insbesondere für WiMis in Drittmittelprojekten, denen Vertragsverlängerungen infolge von Mutterschutz und Elternzeit bisher nur ausnahmsweise gewährt werden. Für Beschäftigte auf Haushaltsstellen ist die familienpolitische Komponente aus dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz in vollem Umfang anzuwenden. Auch wenn sich die FU zu einer - eigenwillig eingeschränkten - Anwendung durchgerungen hat: Familienfreundliche Beschäftigungspolitik sieht anders aus! Bedarfsgerechte Betreuungsangebote für Kinder sind konsequent auszubauen. Gerade Familien können ohne stabiles Einkommen sowie einhaltbare, aber auch flexible Arbeitszeiten kein ausgeglichenes Verhältnis von Berufs- und Privatleben erreichen. Wir verstehen unter "Familie" alle Lebensgemeinschaften, in denen Menschen füreinander sorgen und Verantwortung übernehmen. Familie und Beruf dürfen auch in der Wissenschaft kein Widerspruch sein!

Chancengleichheit herstellen und Diversity fördern

"Diversity" beschreibt die Vielfalt und Heterogenität von Menschen, die sich entlang verschiedener Dimensionen wie Gender, soziale und geographische Herkunft, sexuelle Orientierung, Weltanschauung, Alter oder Beeinträchtigung unterscheiden. Die GEW-Mittelbauinitiative setzt sich ein für einen verantwortlichen Umgang mit Diversität an der Hochschule im Sinne eines partizipativen Prozesses, der Antidiskriminierung, Chancengleichheit, Internationalisierung und Interkulturalität anstrebt. Wir wollen dazu beitragen, dass strukturelle Rahmenbedingungen sozialer Ungleichheit sichtbar werden, und machen uns stark für Chancengleichheit und Vermeidung struktureller Diskriminierung an der FU.